24 Anzeichen für Schmerzen beim gerittenen Pferd

Lesedauer: 4 Minuten

Für mich als Physiotherapeutin, als Reitlehrerin, genauso wie als Pferdebesitzerin stellt sich immer wieder die Frage: Kann er nicht oder will er nicht? Gibt es vielleicht doch einen Schmerz, der dazu führt, dass das Pferd gewisse Verhaltensweisen zeigt?

Ein wirklich gutes Hilfsmittel kann „The Ridden Horse Pain Ethogram“ (RHpE) von Sue Dyson sein. Daher möchte ich euch einmal Genaueres über diese Studie erzählen.

Für diejenigen, die ganz tief in diese Thematik einsteigen wollen, hier ein Link zur Original-Studie: https://beva.onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/eve.13468

Die Studie: Können wir Schmerz sehen?

Dr. Sue Dyson hat in den letzten Jahren knapp 500 Pferde unter dem Reiter untersucht. Die zentrale Frage war: Können wir allein durch Beobachtung objektiv feststellen, ob ein Pferd Schmerzen hat – selbst wenn es (noch) nicht deutlich lahmt?

Ihre Motivation: Viele Pferde in Freizeit und Sport zeigen geringgradige Lahmheiten, die von ihren Besitzern nicht erkannt werden und deshalb oft als „Unarten“ oder „mangelnde Rittigkeit“ abgetan werden. Auch die meisten Tierärzte sind nicht geschult im Erkennen von geringgradigen Lahmheiten. Daher wollte Dyson Werkzeug schaffen, das Besitzern, Trainern und Tierärzten hilft, Schmerzen frühzeitig zu erkennen.

Daraus entstand ein Schmerz-Ethogramm für gerittene Pferde mit 24 spezifischen Verhaltensweisen – das Ridden Horse Pain Ethogram. Das Spannende: Eine einzelnes Verhaltensweise ist noch kein Beweis, aber die auftretende Menge macht den Unterschied.

Wie genau wurde getestet?

Die Pferde wurden 10 Minuten lang in allen drei Grundgangarten auf beiden Händen (inklusive 10m Volten und Achten im Trab) präsentiert.

  • Das Ergebnis: Von ursprünglich 117 beobachteten Verhaltensweisen blieben 24 übrig, die bei lahmenden Pferden zehnmal häufiger auftraten als bei schmerzfreien Pferden.
  • Der Gegenbeweis: Wurden die betroffenen Pferde durch diagnostische Anästhesien schmerzfrei gemacht, verschwanden diese Verhaltensweisen fast vollständig.

Ergebnis der Studie

Ja, es kann anhand der Beobachtungen mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden, ob ein Pferd Schmerzen hat.

Die Grenzwerte für dein Training

  • 0–2 Anzeichen: Normalbereich.
  • Ab 4 Anzeichen: Auffällig – hier sollte man genauer hinschauen.
  • Ab 8 Anzeichen: Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine Lahmheit oder Schmerzen im Bewegungsapparat vorliegen.

Jetzt ist natürlich spannend, von welchen Verhaltensweisen sprechen wir denn?

Die 24 Verhaltensweisen des Ridden Horse Pain Ethogram

Kopfposition

  1. Wiederholte Positionswechsel des Kopfes (rauf/runter), die nicht im Einklang mit dem Trabrhythmus stehen
  2. Dauerhaft verworfen im Genick oder immer wieder auftretende verworfene Kopfhaltung
  3. Kopf vor der Senkrechten (>30°) für eine Dauer von über 10 Sekunden
  4. Kopf hinter der Senkrechten (>10°) für eine Dauer von über 10 Sekunden
  5. Häufiger Wechsel der Kopfposition. Der Kopf wird von einer Seite zur anderen geworfen oder verdreht und ständig korrigiert.

Augen und Ohren

  1. Ohren (beide oder eines) nach hinten rotiert, vertikal oder flach, für eine Dauer von über 5 Sekunden; Ohren werden immer wieder flach angelegt
  2. Augenlider geschlossen oder halb geschlossen für 2 bis 5 Sekunden; häufiges Blinzeln
  3. Das Weiße im Pferdeauge (Sklera) ist immer wieder zu sehen.
  4. Intensives Starren („glasiger“, „abwesender“ Ausdruck) für mehr als fünf Sekunden

Maul und Gebiss

  1. Wiederholtes Öffnen und Schließen der Mauls mit Trennung der Zähne für eine Dauer von mehr als 10 Sekunden
  2. Das Pferd lässt seine Zunge hervorstehen oder heraushängen und/oder bewegt sie wiederholt ins bzw. aus dem Maul.
  3. Das Gebiss ist auf einer Seite (links oder rechts) wiederholt durchs Maul gezogen.

Schweif

  1. Das Pferd trägt seinen Schweif fest eingeklemmt oder seitlich.
  2. Schweifschlagen mit großen Bewegungen: wiederholt auf und ab, von einer Seite zur anderen oder kreisend; wiederholt auftretend bei Übergängen

Parameter des Ganges

  1. Ein gehetzter Gang; unregelmäßiger Rhythmus im Trab oder Galopp; wiederholte Tempowechsel im Trab oder Galopp
  2. Ein sehr langsames Tempo; passageartiger Trab
  3. Die Hinterbeine folgen nicht den Spuren der Vorderbeine, sondern weichen wiederholt nach links oder rechts ab; das Pferd läuft auf drei Hufspuren im Trab oder Galopp.
  4. Wiederholtes Umspringen im Galopp vorne und/oder hinten; wiederholtes Angaloppieren auf dem falschen Bein; Kreuzgalopp
  5. Spontane Gangwechsel (z. B. Wechsel von Galopp in den Trab oder Trab in den Galopp)
  6. gehäuftes Stolpern; wiederholtes beidseitiges Schleifen der Hinterhand

„Unarten“

  1. Plötzlicher Richtungswechsel; scheuen
  2. Bewegungsunlust, ausgeprägte Triebigkeit, spontanes Stoppen
  3. Steigen
  4. Buckeln oder nach hinten austreten (mit einem oder beiden Hinterbeinen)

Der Kontext ist wichtig!

Ich finde, das sind Verhaltensweisen, die jeder von uns schon gesehen hat und auch immer wieder im Alltag sieht. Es geht auch nicht darum, jede einzelne Verhaltensweise kritisch zu beäugen und „Angst“ vor einem kaputten Pferd zu bekommen, nur weil mein Pferd sich mal erschreckt oder mal mit dem Schweif schlägt.

Manche Verhaltensweisen können auch nicht immer Anwendung finden:

  • Bei Pferden, die auch in Ruhe das Weiße im Auge zeigen, kann dies natürlich nicht als Kriterium genommen werden.
  • Auf besonders tiefer Reitplatz-/Hallenböden ist ein Zehenschleifen oft nicht zu beurteilen.
  • Bei starker Insektenbelastung kann ein Schweifschlagen auch andere Ursachen haben.
  • Wenn ein zu großes Gebiss verwendet wird, so kann es auf der einen Seite mehr hervorstehen als auf der anderen.

Schauen wir uns als Nächstes einmal an, was das Ergebnis beeinflussen kann und was eher weniger beeinflusst.

  • Zwischen einem durchschnittlichen Reiter und einem Profi gab es nur geringe Unterschiede.
  • Unpassende Sättel insbesondere zu enge Kopfeisen und das Reitergewicht hauptsächlich im hinteren Drittel des Sattels, konnten die Beobachtungen beeinflussen.
  • Ein hohes Reitergewicht hat einen leichten Einfluss auf das Ergebnis.

Praxis-Check: So analysierst du dein Pferd mit dem Ridden Horse Pain Ethogram

Wenn du Bedenken hast, dass dein Pferd nicht fit ist oder Schmerzen hat, dann probiere es einfach aus.

1. Video machen

  • Wärme dein Pferd vorher auf.
  • Lass dich 5 bis 10 Minuten lang filmen.
  • Reite Schritt, Trab und Galopp auf beiden Händen. Reite Zirkel, Ganze Bahn aber auch 10m Volten und Achter.

2. Video-Analyse

  • Im Anschluss kannst du bequem zu Hause das Video anschauen und nach den einzelnen Kriterien schauen.
  • Schreibe dir auf, welche Kriterien auftreten und bei welcher Übung (Gangart, welche Hand, Lektion).

3. Auswertung

  • 0 bis 3 Verhaltensweisen: Alles im grünen Bereich. Du kannst beruhigt den Fokus auf dein weiteres Training legen.
  • 4 bis 7 Verhaltensweisen: Gelbe Flagge – Check das Equipment (Sattel/Trense) und hol ggf. einen Physiotherapeuten dazu und sprich mit deinem Trainer.
  • Ab 8 Verhaltensweisen: Hier ist professionelle Hilfe (Tierarzt, Physiotherapeut) gefragt, um die Ursache der Schmerzen zu finden und auch ein Reitlehrer/Trainer mit Wissen zur Biomechanik, um das Training entsprechend anzupassen.

Mein Fazit

Das Ridden Horse Pain Ethogram ist für mich eine wissenschaftliche Checkliste, die uns lehrt, das Verhalten unterm Sattel nicht als Ungehorsam, sondern als Feedback zu verstehen. Wenn dein Pferd „nein“ sagt, hat es meist einen guten Grund. Nutze die 24 Verhaltensweisen als Chance, dein Pferd besser zu verstehen und rechtzeitig zu handeln, bevor aus einem kleinen Unbehagen ein chronisches Problem wird.

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